Allein­erziehende

Eine Kinderzeichnung bringt es auf den Punkt: „Multitalent Mama“ heißt das Bild einer vielarmigen „Göttin“, die mit ihren zahlreichen Händen alles im Griff hat, was das Leben so fordert: Kinder, Haushalt, Job und mehr. Aber Alleinerziehende sind keine Göttinnen. Sie brauchen Unterstützung – passend, rechtzeitig und gut abgestimmt.

Drei Botschaften sind wichtig. Erstens: Es gibt nicht die Alleinerziehende. Zweitens: Wer aber allein erziehend ist und weder über materielle noch soziale Ressourcen (wie Freunde oder Familie) verfügt, hat es extrem schwer, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen und ist damit viel stärker von Armut bedroht. Drittens: Die Berufsorientierung der meisten Alleinerziehenden ist erheblich größer als die vieler verheirateter Frauen. Alleinerziehende Mütter arbeiten mit 29,5 Stunden pro Woche mehr als Mütter in Paar-Haushalten (24,5 Stunden).
Die meisten Alleinerziehenden „müssen“ nicht nur arbeiten – sie wollen es auch. Sie wollen sich und ihre Familie nicht auf Dauer vom Staat abhängig machen. Sie wollen Vorbild sein für ihre Kinder. Dazu brauchen sie eine Arbeit, die anständig bezahlt wird, mit Arbeitsbedingungen, die ihnen die Vereinbarkeit ermöglichen.
Wenn sie mit diesen Ansprüchen scheitern, haben sie dieses Scheitern selten allein zu verantworten. Sie „scheitern“ an unflexiblen Arbeitszeiten, an unzureichender Kinderbetreuung (vor allem in den so genannten Randzeiten) und an schlecht bezahlter Erwerbsarbeit in prekären Beschäftigungsverhältnissen - zumal, wenn sie Teilzeit arbeiten (müssen) wegen schlechter Betreuungszeiten.

Schlechte Vereinbarkeit macht arm – Fakten aus der aktuellen Bertelsmann-Studie

Etwa 2,3 Millionen Mädchen und Jungen werden in Deutschland von einem Elternteil aufgezogen – zu 89 Prozent von Müttern. Von den etwa acht Millionen Familien in Deutschland mit minderjährigen Kindern ist inzwischen knapp jede fünfte eine so genannte Ein-Eltern-Familie. Ihr Anteil wächst beständig. 68 Prozent der Alleinerziehenden haben ein Kind, ein Viertel hat zwei Kinder und knapp sieben Prozent sorgen für drei oder mehr Kinder. Sie sind deutlich häufiger von Armut bedroht als Kinder in Paarfamilien. All dies belegt die aktuelle Familienstudie der Bertelsmann-Stiftung. Besonders deutlich zeigt es sich an der Hartz-IV-Statistik: Jedes zweite Kind in dieser Gruppe lebt mit nur einem Elternteil. Mehr als ein Drittel aller Alleinerziehenden (37,6 Prozent) ist auf diese Sozialleistung des Staates angewiesen. Unter den Paarfamilien empfangen hingegen nur 7,3 Prozent Hartz IV.

Im Jobcenter des EN-Kreises sind zurzeit 2628 alleinerziehende Bedarfsgemeinschaften gemeldet. Arbeitslos/arbeitssuchend gemeldet sind 62 Alleinerziehende im ALG I Bezug und 921 Alleinerziehende im ALG II Bezug. Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden und ihren Kindern hat sich in den vergangenen zehn Jahren bundesweit erhöht. Während bei ihnen das Risiko, nur noch mit Grundsicherungsleistungen über die Runden zu kommen, um etwa sieben Prozentpunkte gestiegen ist, sank dies bei Paarfamilien im gleichen Zeitraum um etwa zwölf Prozentpunkte.

Ein Grund für die hohe Armutsgefahr seien ausbleibende Unterhaltszahlungen, heißt es in der Bertelsmann-Studie. "Hat man die Verantwortung für Erwerbsarbeit, Haushalt und Fürsorge und Erziehung der Kinder ganz allein, ist es sehr schwierig, ein Einkommen zu erwirtschaften, das für die Familie reicht. Bleibt dann der Unterhalt aus, rutschen viele unter die Armutsgrenze". Drei von fünf alleinerziehenden Müttern, die von Hartz IV leben, verfügen über keinerlei Ersparnisse. Sie müssen alle anfallenden Lebenshaltungskosten mit den Sozialleistungen bestreiten.

Was tun?

Die Kritik der Autoren der Bertelsmann-Studie richtet sich an die Politik. Sie appellieren an Familienpolitiker/-innen, Armut wirksam zu bekämpfen. Aber es geht eben nicht nur um Armutsbekämpfung, sondern um Vereinbarkeit. Und hier sind mehr als nur familienpolitische Akteur/-innen gefragt.

Die Aktivitäten im Netzwerk W im Ennepe-Ruhr-Kreis richten sich darum an Alleinerziehende ebenso wie an unterschiedliche Institutionen. Und haben klare Prioritäten: Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern, ebenso die Qualifikationen der Jobsuchenden; aber eben auch: Unterstützungssysteme besser vernetzen - und so Armut verhindern.
Damit das gelingt, müssen Alleinerziehende frühzeitig erreicht werden. Sie brauchen Unterstützung und Beratung bei Jobsuche, Qualifizierung und Wiedereinstieg – aber eben auch bei der „vielarmigen“ Organisation des Alltags.
Damit das gelingt, müssen Arbeitsmarktakteur/-innen sensibilisiert werden für die hohen Alltagsanforderungen Alleinerziehender. Nach einer Trennung geht es ja nicht nur um die berufliche Um- oder Neuorientierung, sondern um das ganze Leben: um die Trauer und Irritation der Kinder, um die Sicherung des Lebensunterhalts, um Wohnungssuche und Kinderbetreuung, um neue soziale Netze.

Natürlich fehlen oft passende Kinderbetreuungsmodelle oder familienbewusste Arbeitgeber, die Flexibilität nicht nur von den Eltern erwarten, sondern selber ermöglichen. Es fehlt aber oft genug auch an der Abstimmung und Vernetzung aller Institutionen, die gebraucht werden: vom Jugendamt bis zur Industrie- und Handelskammer.

Dass ein solches Netzwerk funktioniert, merken die alleinerziehenden „Multitalente“ vor allem daran, dass sie sich nicht bei jeder neuen Herausforderung allein orientieren müssen, um herauszufinden, wer wo welche Unterstützung gibt. Sondern überall da Lots/-innen finden, wo sie (zufällig) ihre Anliegen ansprechen. Zum Beispiel über das Angebot „Neue Wege“ in Elterncafes und Familienzentren. Eine Fundgrube für hilfreiche Adressen und Termine ist auch der „Familienkalender“ des Netzwerk W im EN-Kreis.

 

 

Ihre Nachfragen zum Thema Alleinerziehende richten Sie bitte an:

Christel Hofschröer
christel.hofschroeer(AT)stadtgevelsberg.de


Sabine Neuhaus
s.neuhaus(AT)en-kreis.de