arbeiten-pflegen-leben

    Wissen

    Kooperationen und Themenschwerpunkte

    Nutzen und Fakten für Unternehmen

    Unternehmen profitieren, wenn ihre Beschäftigten Beruf und Pflege gut vereinbaren können. Zwar befürchten manche hohe Kosten oder zusätzlichen Aufwand, doch es zeigt sich: Der langfristige Nutzen überwiegt deutlich. Passende Unterstützungsangebote stärken die Motivation und Zufriedenheit, und sie helfen, die Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und gemeinsam vorausschauend anzugehen.

    Mindestens 40 Prozent aller Unternehmen sind schon heute betroffen, weil pflegende Angehörige ihre Arbeitszeit reduzieren müssen. Wenn der Pflegefall eintritt, senken etwa die Hälfte der Beschäftigten ihre Arbeitszeit, meist um fünf bis zehn Wochenstunden. Knapp 20 Prozent geben ihre Arbeit vollständig auf. Kein Wunder, denn die durchschnittliche Pflegedauer beträgt mehr als acht Jahre und mehr als jede*r vierte Beschäftigte (28 Prozent) wendet mehr als zwei Stunden täglich für die Betreuung eines Angehörigen auf.

    Das hat nicht nur individuelle Folgen für das aktuelle Einkommen und die spätere Absicherung im Rentenalter. Auch die Unternehmen spüren die Auswirkungen in Form vermehrter Krankheitstage, Arbeitsausfällen, geringerer Produktivität bis hin zum Verlust der Arbeitskraft mit den entsprechenden Folgekosten für die Nachbesetzung.

    Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Wenn Unternehmen frühzeitig handeln und nach Maßnahmen und Instrumenten suchen, um ihre Beschäftigten zu unterstützen, bedeutet die Zunahme der Pflegeverantwortung der Beschäftigten nicht zwangsläufig Ausstieg, Minderleistung oder Burnout. Unternehmen, die sich auf den Weg machen, berichten von der überraschenden Erfahrung, dass schon Enttabuisierung und Offenheit für die Unterstützungswünsche der Betroffenen den Druck bei diesen nehmen. Vereinbarkeitslösungen führen im Arbeitsalltag zu erheblich weniger Störungen als das Totschweigen des Themas.

    Fachkräfte halten und gewinnen

    Unternehmen, die heute das Thema anpacken, profitieren nachhaltig davon. Sie tragen zur Entlastung pflegender Beschäftigter bei und helfen so, Motivation, Arbeitszufriedenheit und Produktivität der Beschäftigten zu erhöhen und qualifizierte Arbeitskräfte ans Unternehmen zu binden. Sie bleiben attraktiv für neue Fach- und Führungskräfte, denn das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ gewinnt immer mehr an Bedeutung für Beschäftigte. Familienbewusste Personalpolitik ist ein Standortfaktor. Unternehmen erzielen Einsparungen aufgrund geringerer Ausfallkosten, geringerer Rekrutierungskosten und höherer Produktivität. Sie übernehmen gesellschaftliche Verantwortung vor dem Hintergrund des demografischen Wandels (Corporate Social Responsibility/CSR).

    Bereits 70 Prozent der Firmen haben heute schon zumindest teilweise Probleme, passende Fachkräfte für ihre offenen Stellen zu finden. Jedes zweite Unternehmen (49 Prozent) erwartet für die kommenden fünf Jahre einen Mangel an hoch qualifizierten Fachkräften.
    Hauptgrund: Die Zahl der erwerbsfähigen Personen in Deutschland sinkt, der Fachkräftemangel ist also kein konjunkturelles, sondern ein strukturelles Problem. Das Arbeitskräftepotenzial wird sich in den kommenden 20 Jahren um über sechs Millionen verringern, bis 2030 kann so eine Arbeitskräftelücke von gut fünf Millionen Personen entstehen.
    Unternehmen können die Auswirkungen des Fachkräftemangels für sich abmildern, indem sie ihre Beschäftigten aktiv dabei unterstützen, Beruf und Familie zu vereinbaren.

    Fachkräfte halten

    Familienbewusste Unternehmen sind in allen relevanten betriebswirtschaftlichen Kennzahlen eindeutig besser:

    • um 17 % höhere Mitarbeiterproduktivität
    • um 17 % höhere Motivation der Beschäftigten
    • um 13 % geringere Fehlzeiten
    • um 17 % höhere Bindung von Fachkräften
    • um 12 % längerfristige Kundenbindung
      (positives Image als familienfreundliches Unternehmen)

    durchschnittl. Folgekosten pro Beschäftigter/m: gut 14.000 Euro jährlich

    Quelle: FFP Expertise 2011

    Generation Y: Vereinbarkeit ist Top-Thema

    Wer heute junge Erwachsene zwischen 25 und 39 Jahren fragt - vor allem diejenigen mit Kindern unter 18 Jahren - muss erkennen, dass ihnen bei der Wahl eines neuen Arbeitgebers familienfreundliche Arbeitsbedingungen und Freiräume mindestens genauso wichtig sind wie das Gehalt. Das heißt: Wer es sich erlauben kann, nimmt auch bewusst ein niedrigeres Gehalt in Kauf, um dafür beispielsweise günstigere Arbeitszeiten zu haben. Viele dieser Altersgruppe können sich vorstellen, für bessere Vereinbarkeitsbedingungen den Arbeitgeber zu wechseln.
    Wer seinen Führungs- und Fachkräften also kein geeignetes Modell bieten kann, um berufliche und familiäre Belange zu vereinbaren, wird sie vielleicht verlieren – und dann nicht so leicht neue finden.

    Unvereinbarkeit als Kostenfaktor

    Auch die Folgen einer Überlastung durch Beruf und Pflege in Form von Arbeitsausfällen, geringerer Produktivität und vermehrten Krankheitstagen können für Unternehmen zu einem wirtschaftlichen Risiko werden. Beschäftigte, die bei der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf unterstützt werden, fehlen dagegen seltener, arbeiten motivierter und damit letztlich produktiver und fühlen sich dem Unternehmen mehr verbunden. Dies senkt wiederum die Fluktuation und somit Rekrutierungs- und Einarbeitungskosten. Hinzu kommen Wettbewerbsvorteile durch eine höhere Attraktivität als Arbeitgeber.

    Befragung von Unternehmen

    Das Zentrum für Qualität in der Pflege hat Ende 2014 bundesweit Unternehmen zum Thema befragt. Die Ergebnisse sind widersprüchlich, sie zeigen einerseits, dass vielen Personalverantwortlichen das Thema bewusst ist, aber längst nicht alle Unternehmen gut aufgestellt sind.

    Ein paar Fakten:
    76 Prozent der Personalentscheider hielten es für ‚(sehr) wichtig‘. Die Mehrheit der Befragten hielt allerdings keine spezifischen personalpolitischen Konzepte für pflegende Angehörige vor (72 Prozent). Nur 20 Prozent der Unternehmen hatten solche spezifischen betriebsinternen Angebote. Größere Unternehmen waren häufiger als kleinere auf pflegende Angehörige eingestellt: 43 Prozent der Unternehmen mit 250 und mehr Beschäftigten gegenüber 13 Prozent der Unternehmen mit zwischen 50 und 249 Beschäftigten hatten bereits spezifische Angebote; nur 8 Prozent gaben an, solche Angebote zu planen. Die Antworten auf die Frage, ob es in ihrem Unternehmen Beschäftigte gibt oder gab, die einen Angehörigen pflegen beziehungsweise gepflegt haben, zeigen, dass sich längst nicht alle dem Problem stellen wollen – und viele es daher ignorieren: Ein gutes Drittel (37 Prozent) der Befragten wusste von Beschäftigten, die zuhause pflegen, 60 Prozent aber gaben an, dass noch kein solcher Fall in ihrem Unternehmen aufgetreten sei. Die tatsächliche Zahl derer, die einen Angehörigen pflegen, muss aber erheblich höher liegen.
    Wer hat hier die Bringschuld? Beschäftigte, die sich outen sollten oder Führungskräfte, die das Thema offensiv auf die Agenda setzen müssen?

    Konkurrenzfähig, glaubwürdig, überzeugend: Statements aus Unternehmen der Kampagne im EN-Kreis

    Die Kampagne arbeiten-pflegen-leben im Ennepe-Ruhr-Kreis hat gezeigt, dass Impulse von oben mehr bewirken können als Einzelanfragen der betroffenen Beschäftigten. Und dass Unternehmen sich keine Sorgen machen müssen, dass pflegende Beschäftigte für sie eingeführte „Sonderrechte“ ausnutzen. Vielmehr zeigt sich, dass die Betroffenen damit sehr verantwortlich umgehen. Vor allem, wenn sie erkennen: Mein Unternehmen meint es ernst, und die Führung geht voran.

    AVU, Gevelsberg – eines der beiden Pionierunternehmen zum Kampagnenstart

    Das Durchschnittsalter der Beschäftigten liegt bei etwa 46 Jahren und wird eher ansteigen. Ältere Mitarbeiter haben ältere Angehörige. Erfahrene und zufriedene Mitarbeiter sind für die AVU wichtig.

    hwg, Hattingen - eines der beiden Pionierunternehmen zum Kampagnenstart

    Als Wohnungsunternehmen beschäftigen wir uns mit den Bedürfnissen unserer Mieter, auch vor dem Hintergrund der demografischen Veränderungen. Die gleichen Probleme können ebenso schnell unsere Mitarbeiter/innen treffen. Deshalb nehmen wir die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege sehr ernst.

    BIW Isolierstoffe GmbH, Ennepetal

    Im Moment gibt es einige Mitarbeiter/innen, von denen wir wissen, dass sie einen Elternteil pflegen. Sie nutzen dafür vor allem unsere flexiblen Arbeitszeiten. Aber eine einfache Demografieanalyse zeigt uns, dass wir noch besser vorbereitet sein müssen, denn knapp 50 Prozent der Beschäftigten bei BIW sind über 40 Jahre alt, erfahrene Mitarbeiter/innen, auf die ein flexibles Unternehmen mit Kunden in der ganzen Welt nicht verzichten kann und will. Konkurrenzfähig ist BIW auf dem Weltmarkt nur, weil es schnell auf Kundenwünsche reagieren kann und gute Qualität liefert. Die Konkurrenz schläft nicht – wer als Arbeitgeber attraktiv und konkurrenzfähig bleiben will, muss sich jetzt bewegen.

    FAN – Freie Alten- und Nachbarschaftshilfe e.V., Ennepetal, Gevelsberg, Haßlinghausen, Schwelm

    In der FAN, mit 110 Mitarbeiter/-innen, zahlreichen ehrenamtlichen Kräften und sieben Fachbereichen, können wichtige Dinge nicht informell zwischen Tür und Angel besprochen werden, aber allzu formell darf die Kommunikationskultur auch nicht sein. Festzulegen, wer mit wem wann reden muss, damit Probleme schnell gelöst werden, ist ebenso wichtig wie die Ermutigung zum offenen Gespräch. Die Situationen ändern sich oft und schnell. Da kann es passieren, dass in einem Team der Mann einer Kollegin im Sterben liegt und kurze Zeit später bei einer anderen die Mutter ein Pflegefall wird. Es gibt darum nicht die Ideallösung, wir müssen jeden Tag neue individuelle Lösungen finden.

    IG-Metall Bildungszentrum Sprockhövel

    Das Bildungszentrum der IG-Metall in Sprockhövel ist nicht nur als reibungslos funktionierende Tagungsstätte ein Schaufenster der Gewerkschaft. Die Gäste sind in der Regel Kolleg/-innen und achten auch darauf, wie glaubwürdig die gewerkschaftlichen Ansprüche im „eigenen“ Betrieb umgesetzt werden. Wer ohne Angst nach Lösungen fragen kann, wenn es zuhause eng wird, kann entspannter mit den Arbeitsbelastungen umgehen. Wir organisieren Tagungen und Konferenzen mit allen möglichen Sonderwünschen. Das sind extrem hohe Anforderungen mit Überstunden und flexiblen Arbeitszeiten. Wer da mitzieht und hilft, dass wir das hinkriegen, der hat es auch verdient, dass wir helfen, wenn es auf der privaten Seite Probleme gibt.

    Stadt Gevelsberg

    Von einer Verwaltung erwarten Bürger/-innen ebenso gute Dienstleistungen wie von einem Unternehmen. Von seinen Mitarbeiter/ innen erwartet der Bürgermeister der Stadt Gevelsberg, Claus Jacobi, dass sie mitteilen, wenn ihnen die private Sorge für Angehörige über den Kopf wächst und Vorschläge machen, wie man sie noch besser unterstützen könnte. Für den öffentlichen Dienst kann man Mitarbeiter/-innen nicht etwa durch die Verlockungen extremer Bonuszahlungen gewinnen, sondern durch sichere Arbeitsplätze und eine familienbewusste Personalpolitik – Werte, die längst auch bei vielen jungen Männern hoch im Kurs stehen.

    DRK soziale Dienste, Kreisverband Witten gGmbH

    Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Rettungsdienst, der häuslichen Pflege, im Menüdienst und Hausnotruf sind an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden im Dienst. Dieser Dienst am Menschen verlangt von den Beschäftigten ein hohes Maß an Qualifikation und Einsatzbereitschaft. Deshalb ist es selbstverständlich auch unsere Pflicht als Arbeitgeber, unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in schwierigen Lebenssituationen zu unterstützen. Dies geschieht in erster Linie durch die direkte Ansprache der Abteilungsleiter, die, sofern gewünscht, zusammen mit der Pflegedienstleitung oder mit unserem pädagogischen Team individuelle Hilfen entwickeln.

    Uni-Wissen und Unternehmens-Praxis

    Sie haben viele gute Ideen für Vereinbarkeit, aber zu wenig Zeit für die Umsetzung im Alltagsgeschäft? Profitieren Sie von der Kooperation mit der Hochschule Bochum (Gesundheitscampus).

    Wenn im laufenden Betrieb die Kapazitäten fehlen, um neue Ideen und Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Sorgearbeit und Beruf umzusetzen, können engagierte Studierende projektweise wertvolle Unterstützung leisten. Dank der Kooperation mit der Hochschule Bochum (Gesundheitscampus) wurden seit 2019 bereits zahlreiche praxisnahe Produkte und Konzepte gemeinsam mit Unternehmen im Ennepe-Ruhr-Kreis erfolgreich umgesetzt. Alle Seiten profitieren: Studierende sammeln wertvolle Praxiserfahrungen und bringen frische Impulse mit. Die in der Kooperation entstehenden Info-Materialien, Workshops, digitalen Anwendungen und Umfragen bringen das Thema Vereinbarkeit in den Betrieben weiter voran.

    Nutzen Sie unsere Kooperation mit der Hochschule Bochum (Gesundheitscampus) auch im Wintersemester 2026/27.
    Anfragen sind ab sofort möglich: c.beermann@en-kreis.de.

    Praxisbeispiele und Grundlagen der Kooperation

    Viele Unternehmen haben dieses Angebot bereits in Anspruch genommen und mehr als 33 Projektideen realisiert – mit ganz unterschiedlichen Anliegen. So haben Studierende zum Beispiel für AHE, ein Unternehmen der Entsorgungsbranche in Wetter, einen doppelseitig beschriebenen Flyer entwickelt, der darstellt, welche Möglichkeiten die Mitarbeitenden für eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf haben. Darin enthalten ist unter anderem eine Liste der kommunalen Pflegeberatungsstellen in der Umgebung sowie Informationen zu gesetzlich geregelten Freistellungs- und Fördermöglichkeiten, die sie in Anspruch nehmen können. Zusätzlich wurden die Pflegelotsinnen und -lotsen im Betrieb einmal mehr bekannt gemacht, die ansprechbar sind für alle Fragen der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. Ergänzend wurde außerdem aufgezeigt, wie wichtig es ist, auf die eigene Gesundheit zu achten und was man dazu tun kann.

    Fazit der Personalabteilung: „Mit den beiden Flyern haben wir ein Angebot entwickelt, das wir im Tagesgeschäft nicht hätten leisten können.“ Die Flyer sind leicht zugänglich, liegen in Fahrerräumen aus oder in den Aufenthaltsräumen. Wer sich informieren will, kann dies jetzt niedrigschwellig tun.

    Niedrigschwellig ist auch der Zugang zur Kooperation für die teilnehmenden Unternehmen und Behörden: Sie benennen jeweils eine Ansprechperson und schildern ihre Projektideen.

    Zu Beginn eines Semesters werden diese Ideen den Studierenden präsentiert, sie entscheiden sich für ein Projekt und nehmen dann Kontakt zu den Unternehmen auf.

    Im besten Fall zeigen die realisierten Projekte, wo es Handlungsbedarf im Unternehmen gibt. So war es zum Beispiel bei GLORIA Haus- und Gartengeräte in Witten: Eine Umfrage in der Belegschaft zum Thema Pflege, ausgewertet von den Studierenden, ergab, so Sandra Schneider, Assistentin der Geschäftsführung, ein unerwartetes Bild: „Die Umfrage der Studierenden war eine Überraschung für uns: Rund 10 Prozent der Beschäftigten übernehmen bereits Pflegeaufgaben und 40 Prozent sehen einen Bedarf für die Zukunft. Darauf haben wir sofort reagiert.“

    Im Unternehmen wurde Sandra Schneider als Pflegelotsin installiert. Sie nimmt seither regelmäßig an Pflegelotsenschulungen des Ennepe-Ruhr-Kreises teil und fungiert als Ansprechpartnerin. Die Maßnahme kommt bei Betroffenen gut an. Christiane Krychowski, Mitarbeiterin in der Produktion, sagt zum Beispiel: „Ich arbeite seit 10 Jahren halbtags bei Gloria. Inzwischen benötigt meine Mutter mehr und mehr Hilfe im Alltag. Auch mein Mann war kürzlich im Krankenhaus. Ich finde es gut, dass ich in diesen Fällen meine Arbeitszeit flexibel einteilen und Überstunden nach unkomplizierter Absprache abfeiern kann. Außerdem ist es beruhigend zu wissen, dass es in der Firma einen Ansprechpartner zum Thema Pflege gibt und man schnell Infos bekommt, wenn man sie benötigt.“

    Prävention

    Silvia van Loosen, Human Resources Managerin bei B&T Exact GmbH in Gevelsberg, verweist auf einen weiteren Aspekt: „Es gibt ganz viel Care-Arbeit, die vor dem Ernstfall gemacht wird, und aus der Freizeit wird ein zweiter unbezahlter Job. Das müssen wir im Auge behalten.“

    In der Kooperation mit den Studierenden wurden zwei Flyer entwickelt. Einer widmet sich besonders der Frage, wann Pflege überhaupt beginnt. „Nach meiner Wahrnehmung“, sagt Silvia van Loosen, „dauert es im Alltag durchaus lange, bis Angehörige sich als Pflegende sehen. Es ist nicht immer der Ernstfall. Sehr viele pflegen im Alltag schon viel eher, kaufen ein, sorgen für Unterstützung, haben regelmäßige Verpflichtungen.“ Sie sei gerade mit Blick auf diese Zielgruppe überzeugt, dass es nicht dabei bleiben kann, nur Flyer zu verteilen. Sobald wie möglich will sie daher den in der Pandemiezeit verschobenen Pflegetag im Unternehmen nachholen.

    Ein wichtiges Lernfeld für die Studierenden

    Monika Arntzen ist Schwerbehindertenvertretung im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, dort auch im Sozialpflegerischen Dienst und für familiale Pflege tätig. Ihr Ziel bei der Kooperation war es, die Angebote des Krankenhauses noch bekannter zu machen. Die Studierenden hatten die Aufgabe, in einer Serie für die Mitarbeiterzeitschrift „Für uns“ Themen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf aufzugreifen und allgemeinverständlich darzustellen, zum Beispiel die Frage, was zur „Pflege“ dazu gehört. Monika Arntzen kennt das Thema nur zu genau: „Mit dem Satz ‚Ich geh doch nur einkaufen‘ sehen sich viele noch gar nicht als Pflegende - auch wenn sie schon viel für ihre Angehörigen tun.“

    Das Beratungsangebot im Haus war ebenso Thema wie auch die Pflegekurse und Trainings, die das Krankenhaus, anders als vielleicht Unternehmen anderer Branchen, bereits seit Jahren anbietet. Aber auch die sachlichen, grundlegenden Informationen wurden neu aufbereitet, zum Beispiel welche Freistellungsmöglichkeiten es im Rahmen der Pflegezeit und Familienpflegezeit gibt oder welche Hilfsmittel gut sind und wie man sie bekommt.

    Monika Arntzen erinnert aber auch an Lernerfahrungen der Studierenden: „Ich hatte in der Kooperation Kontakt zu unserer Pressestelle, die klare Anforderungen für Artikel in der Mitarbeiterzeitschrift haben: Nicht zu lang und „nachrichtlich“ geschrieben sollten sie sein. Ich glaube, gerade das nachrichtliche Schreiben war ein gutes Lernfeld für die Studierenden.“

    Interesse der Studierenden auch nach dem Praxismodul

    Tanja Segmüller, Professorin für Alterswissenschaft, Pflegewissenschaftlerin und gelernte Krankenschwester hat 2019 die Kooperation der Hochschule für Gesundheit mit der Initiative arbeiten-pflegen-leben begonnen. Sie betont die Einzigartigkeit des interdisziplinären „Department of Community Health“ der Hochschule, dem sie angehört: „Wir als Department sind interprofessionell unterwegs: Ich bin Pflegewissenschaftlerin, die Kollegen haben andere Disziplinen – Gesundheitstechnologie, Ökonomie, Medizin, Psychologie, Stadtplanung. Wir schauen wirklich interdisziplinär auf Themen.“

    Tanja Segmüller und ihr Kollegium haben den Studiengang „Gesundheit und Diversity in der Arbeit“ gegründet und entwickelt. Besonders wichtig war ihnen dabei das Teilmodul zur Lage von Menschen, die in einer Vereinbarkeitssituation sind sowie ein enger Praxisbezug im Studium: „Dieser Studiengang lebt sehr von der Kooperation mit der Praxis. Die Studierenden sollen eintauchen in die wirkliche Berufswelt und nicht nur in Hörsälen lernen. Sie lernen extrem viel, wenn sie selber Projekte machen.“

    Das bestätigen die Studierenden, wenn sie in der Abschlussbefragung am Ende des Studiums gefragt werden, was sie besonders beeindruckt hat. Einige wählen außerdem im später folgenden Praxissemester eine Behörde oder ein Unternehmen aus den Projekten aus oder arbeiten zu Vereinbarkeitsthemen in ihren Abschlussarbeiten.

    Wissen muss zirkulieren

    „Es wird viel über Theorie-Praxis-Transfer gesprochen“, betont Tanja Segmüller. „Ich benutze den Begriff der Wissenszirkulation: Für die Unternehmen ist es toll, wenn Studierende kommen und neue Programme vorstellen oder aktuelles Wissen mitbringen. Die Unternehmen wiederum können konkret sagen, was sie gerade im Alltag beschäftigt, wo besondere Herausforderungen sind. So zirkuliert Wissen zwischen den verschiedenen Ebenen, und alle Beteiligten haben einen Mehrwert.“

    Wenn Sie sich beteiligen möchten, melden Sie sich bitte zeitnah, damit die Studierenden im Oktober mit Ihnen Kontakt aufnehmen können, um bis etwa Anfang Januar mit Ihnen gemeinsam das jeweilige Projekt umzusetzen.

    Zur Abschlusspräsentation der Ergebnisse werden alle beteiligten Unternehmen und Behörden eingeladen, um den Austausch guter Ideen und Vernetzung zu fördern.

    Wer interessiert ist, kann sich bis Anfang Oktober bei Christa Beermann melden. 4-6 Unternehmen haben die Möglichkeit zur Teilnahme. Die Auswahl erfolgt nach einem telefonischen Gespräch.

    Männer in der Pflege

    Der Anteil der Männer, die Angehörige zu Hause pflegen, liegt höher als viele vermuten. Ihr Umgang mit dieser Aufgabe ist teilweise anders als der von Frauen, die nach wie vor die deutliche Mehrheit der Pflegenden stellen. Betriebe, die männliche Mitarbeiter in dieser Situation unterstützen wollen, brauchen spezifische Angebote und vor allem eigene Formen der Ansprache.

    Pflegende Männer sind in der wissenschaftlichen Forschung und Literatur, in den elektronischen oder gedruckten Medien wie auch im Internet ein unterbelichtetes Thema. Ein Grund dafür dürfte sein, dass das Phänomen in seiner Größenordnung nicht nur von Laien, sondern selbst von Fachleuten unterschätzt wird.

    Die überwiegende Form der Versorgung von Angehörigen ist nach wie vor die häusliche Betreuung durch Frauen. Der Anteil der pflegenden Männer liegt je nach Definitionskriterien immerhin zwischen 27 und 37 Prozent. In den meisten aktuellen Veröffentlichungen ist von einem Drittel Männern die Rede, bei steigender Tendenz. Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich der Umfang des männlichen Engagements ungefähr verdoppelt. Insgesamt dürften sich nach Schätzungen bis zu 1,8 Millionen Männer in Deutschland hauspflegerisch betätigen.1, 2, 6

    „Liebe” statt Pflicht

    Die wenigen vorliegenden Erhebungen stellen heraus, dass Männer aus Liebe pflegen, weniger aus Pflichtgefühl. Das gilt besonders, wenn sie sich als Ruheständler um die eigene Partnerin auf der Grundlage einer langjährigen festen Beziehung kümmern. Die daraus entstehende Motivation, hebt Langehennig hervor5, sei „wichtig für das Verständnis aller weiteren Merkmale männlicher Pflege”.

    Er fasst die zentralen Befunde aus den Interviews eines Forschungsprojektes so zusammen: „Männer versuchen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Kompetenzen und Mitteln, für die geliebte Person das Beste herauszuholen”. Dabei verwenden die häuslichen Pfleger Bilder und Begriffe, die häufig aus ihren Erfahrungen im Berufsleben stammen.

    Entsprechend viele „Stilelemente aus der Arbeitssphäre”, analysiert Langehennig, lassen sich in diesem geschlechtsspezifischen Pflegeverhalten identifizieren. Männer wollen eine möglichst reibungslose, organisatorisch perfekte Logistik aufbauen. Dafür eignen sie sich „aktiv ein weit reichendes Wissen an”. Sie notieren ihre Beobachtungen und werten diese systematisch aus, „unter Rückgriff auf Informationen aus dem Internet”.

    Hybris und Konflikte

    Nicht selten, so der Frankfurter Wissenschaftler, setzen sie das so erworbene Knowhow „gegen das Fachwissen professioneller Pflegekräfte”. Er spricht von der Gefahr einer „Hybris”: Männer meinen dann, die besseren Pfleger zu sein, sie „legen also - aus Liebe! - eine gewisse Konfliktfreudigkeit an den Tag”. Hier zeigen sich aus seiner Sicht auch „Schattenseiten männlicher Angehörigenpflege”.5 (S.19)

    Pflegende Männer beschreiben ihre Tätigkeit nach US-amerikanischen Studien4 als „Arbeit” oder gar als „managerielle Aufgabe”. Sie betonen vor allem das „Funktionieren”, Langehennig zufolge ein „Lieblingswort unserer pflegenden Männer”. Demgegenüber werden die mit den privaten Pflichten verbundenen Emotionen eher vernachlässigt: Die von dem Forscher Befragten finden „in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld kaum Anlässe, über ihre Gefühle zu sprechen”5 Hilfe holen sie sich eher aus Fachforen im Netz.

    Fehlende Zeitsouveränität

    Am Arbeitsplatz stoßen pflegende Männer auf ähnliche Hindernisse wie engagierte Väter. Die Flexibilisierung starrer Arbeitszeiten dient vorrangig wirtschaftlichen Interessen und nicht der persönlichen Zeitsouveränität der Beschäftigten mit privaten Verpflichtungen. Anwesenheitskultur und „Dinosaurier-Vorgesetzte”, Führungskräfte mit einer traditionellen Vorstellung von Geschlechterrollen, blockieren entsprechende Wünsche. Auch Betriebs- und Personalräte betrachten Probleme der Vereinbarkeit selten als eine zentrale Aufgabe, obwohl das Betriebsverfassungsgesetz das Thema ausdrücklich als Teil der Arbeit der betrieblichen Interessenvertretung festschreibt.

    Doch immer mehr Firmen verfolgen eine lebenszyklusorientierte Personalpolitik. In betrieblichen Befragungen zu Fragen der Work-Life-Balance stellt sich überraschend oft heraus, dass Beschäftigte nicht nur zwischen Kind und Karriere, sondern auch zwischen ihrem Beruf und der Pflege von Angehörigen balancieren müssen. Das gilt insbesondere bei einem hohem Altersdurchschnitt der Belegschaft.

    Gemischte Arrangements

    Strategien der Arbeitgeber, die auf individuelle Lebensläufe abgestimmt sind, müssen mit biografischen Brüchen von Frauen wie Männern rechnen. Es reicht deshalb nicht aus, sich nur um weibliche Mitarbeiterinnen mit Pflegepflichten zu kümmern. Wie beim Thema Elternschaft gehört der männliche Teil der Beschäftigten auch in der „Elder Care”-Debatte mit ins Boot.3

    Das Engagement von Männern in der Pflege setzt meist erst im Rentenalter ein. Eine Ursache für diesen späten Zeitpunkt sieht der Ludwigsburger Altenforscher Eckart Hammer2 in der „höheren Verbreitung der Alzheimer-Demenz bei Frauen”. Die Leistung dieser nicht mehr erwerbstätigen Männer besteht überwiegend im Begleiten und Versorgen der eigenen Ehefrau. In „gemischten Pflegearrangements” werden oft mehrere Helfende eingebunden und verstärkt professionelle Dienste in Anspruch genommen. Frauen pflegen dagegen häufiger auch im jüngeren Alter, sie sind vorrangig zuständig für die Familienangehörigen der vorhergehenden Generation.

    Kommunikationspolitik

    Wie können vor diesem Hintergrund dann überhaupt Unternehmen für männliche Mitarbeiter unterstützend tätig werden? In der Männerstudie der beiden großen christlichen Kirchen7 erklären sich immerhin zwei Drittel der männlichen Befragten bereit, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, damit sie sich um Angehörige kümmern können. Jeder siebte Mann würde nach eigenen Angaben seinen Job befristet sogar ganz aufgeben. 27 Prozent der Männer (Frauen in der Vergleichsgruppe nur 13 Prozent) verweigerten hingegen grundsätzlich die Pflege von Familienmitgliedern. Als Haupthindernis nannten sie die Sorge um das gemeinsame Haushaltseinkommen.

    Angebote, die sich an männliche Beschäftigte mit Pflegeaufgaben richten, müssen auf jeden Fall niedrigschwellig sein. Sie sollten sich an Fachinformationen und praxisorientierter Beratung orientieren. Die Hertie-Stiftung3 schlägt gar eine geschlechtsspezifische „Kommunikationspolitik” vor: Selbst wenn sich die Instrumente der Vereinbarkeit für Männer und Frauen gar nicht unterscheiden, müssten männliche Zielgruppen anders, vor allem nicht zu emotional, angesprochen werden. Denn moralische Argumente nützen wenig, hebt auch Langehennig hervor: „Motivationskampagnen und Appelle an den Familiensinn der Männer sind letztlich auf Sand gebaut, soweit sie nicht die materiellen Grundlagen der Familie berücksichtigen, nämlich die krassen Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen in ihrer Beschäftigungskarriere und in ihrem Lohnniveau”.5 (S.20)

    Erste kleine Schritte (die wenig kosten)

    • Den Bedarf auch von Männern bei der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege sichtbar machen, ihn ausdrücklich thematisieren und so auch enttabuisieren.
    • Das Thema bei Einstellungs- und Mitarbeitergesprächen berücksichtigen.
    • Deutlich machen, dass Männer genauso wie Frauen die angebotenen Instrumente (etwa flexible Arbeitszeiten oder Notfallregelungen) in Anspruch nehmen können.
    • In betrieblichen Befragungen und Bedarfserhebungen zur Vereinbarkeit Männer gezielt ansprechen.
    • Bei der Weitergabe von Informationen berücksichtigen, dass Männer oft weniger als Frauen über das Thema wissen.
    • Auf emotionale Argumente und moralische Ansprache verzichten.
    • Unter Führungskräften dafür sensibilisieren, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer „Vereinbarkeitsprobleme” haben.
    • Vorgesetzten vermitteln, dass die Angebote kein „Sozialklimbim” sind, sondern die Bindung von Mitarbeitern an das Unternehmen verstärken.

    Spezial Demenz

    Das medizinische Wissen zum Thema Demenz ist gewachsen und auch das Verständnis für die Bedeutung sozialer und emotionaler Aspekte dieser Erkrankung. Betroffene und Angehörige finden heute eine Vielzahl verständlicher Informationen, sachkundige Beratung und oft sensible Unterstützung beim Umgang mit dieser Krankheit, zum Beispiel in Selbsthilfeorganisationen.

    Wissen, um sorgen zu können

    Es gibt unterschiedliche Ursachen und Formen der Demenz: Demenz vom Alzheimertyp – daran erkranken ca. 70 Prozent; vaskuläre Demenz – daran erkranken etwa 15 Prozent, und es gibt Mischformen der genannten Erkrankungen.

    Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Ursache von Demenz - eine fortschreitende Gehirnerkrankung, die nach und nach das Gedächtnis, die Lernfähigkeit, das Denk- und Urteilsvermögen sowie die Kommunikationsfähigkeit Betroffener zerstört. Auch ihre Fähigkeit, Alltagsaktivitäten zu bewältigen, schwindet. Im weiteren Krankheitsverlauf können Persönlichkeits- und Verhaltensveränderungen auftreten, etwa Angst- oder Erregungszustände und übersteigertes Misstrauen, aber auch Wahnvorstellungen oder Halluzinationen.

    Demenz kennt keine sozialen, ökonomischen, ethnischen oder geografischen Grenzen. Obwohl jede betroffene Person die Demenz auf ihre eigene Art erlebt, werden sich alle Erkrankten eines Tages nicht mehr selbst versorgen können und in sämtlichen Bereichen des täglichen Lebens Hilfe benötigen. Es gibt keine Heilung, trotz intensiver medizinischer Grundlagenforschung ist ein Durchbruch nicht in Sicht. Aber es gibt Behandlungen, Beratung und Unterstützung.

    Ein wenig beachtetes Thema: Sorge für Demenzkranke und Vereinbarkeit

    Berufstätige Angehörige, die Sorge tragen für einen demenziell erkrankten Angehörigen, kommen mit ihren besonderen Fragen und Herausforderungen in den meisten Fallgeschichten und Informationsmedien nur am Rande vor. Dabei ist es gerade für sie so wichtig, rechtzeitig gute Informationen zu bekommen, schnelle Unterstützung zu finden, um dann auch über Arrangements in ihrem beruflichen Umfeld mit Vorgesetzten und Arbeitgebern sprechen zu können.

    Thema Nummer Eins: Wie geht Vereinbarkeit, wenn der Alltag unberechenbar wird? Wenn sich beispielsweise die Nachbarin während der Arbeitszeit meldet, weil sie die Mutter, den Vater auf der Straße herumirren sieht? Das Beste wäre, dann sofort reagieren zu können, die Mutter nach Hause zu begleiten, für Ruhe und Sicherheit zu sorgen, um dann zurück an den Arbeitsplatz gehen zu können. Das klingt utopisch? Muss es nicht. Aber es wird schwierig, wenn Angehörige allein verantwortlich sind und sich die Sorge nicht mit Geschwistern oder Partner*innen teilen können. Wer einigermaßen passable Arrangements finden will, sollte daher frühzeitig auf Signale achten, rechtzeitig planen und offen mit der Krankheit umgehen.

    Dem Tabu trotzen

    Die Diagnose Demenz konfrontiert viele Betroffene und ihre Familien mit verwirrenden und beängstigenden Fragen: Ist es eine Demenz – und welche? Wie werden Verwandte, Freunde, Nachbarn, Kolleginnen reagieren? Welche Prognosen gibt es? Wie können Kranke und Angehörige mit dieser Krankheit leben? Wer unterstützt im Alltag? Vieles erscheint deshalb so erschreckend, weil sich die meisten Menschen vorher nicht mit diesen Fragen beschäftigt haben.

    Demenz ist eine schwere Erkrankung, die das gewohnte Leben vollkommen auf den Kopf stellen kann. Es ist jedoch möglich, auch mit dieser Erkrankung zu leben und weiterhin am Leben teilzuhaben. Selten bis zum Ende in den eigenen vier Wänden und immer verbunden mit logistischen und psychischen Meisterleistungen von Angehörigen. Wichtig ist, möglichst viel über die Krankheit zu erfahren und sich mit Anzeichen und Erscheinungsformen auseinander zu setzen. Auch wenn dies Angst macht.

    Die Diagnose hat eine Nebenwirkung: Es ist die Angst! Wir haben alle Angst: Ehepartnerin, Angehörige, Freundinnen und Freunde, ich selbstverständlich auch. Die Angst hat unsere Herzen, unser Denken und unsere Gefühle kontaminiert. (Aber) wir verbringen ganz bewusst mehr Zeit miteinander. Wenn wir beisammen sind, reden wir mehr, wir umarmen uns öfter, wir weinen öfter und lachen öfter.1

    Wichtig ist eine frühzeitige Diagnostik

    Erster Schritt: Feststellung oder Ausschluss einer Demenz; zweiter Schritt: Klärung der zugrunde liegenden Ursache. Der erste Schritt ist wichtig, um zu entscheiden, ob eine Demenz vorliegt oder ein anderes Symptommuster wie eine reine Gedächtnisstörung (Amnesie) oder ein akuter Verwirrtheitszustand (Delir); verschiedene Ursachen erfordern unterschiedliche Behandlungsmaßnahmen und sind mit einer anderen Prognose verbunden. Auch muss der Schweregrad der Demenz ermittelt werden, um abzuschätzen, zu welchen Problemen sie führt. Welchen Unterstützung benötigt wird, ob Gefahren bestehen oder Versorgungsmaßnahmen eingeleitet werden müssen.

    Wichtig ist ebenso, dass es bei einer Demenz nicht nur um die ärztliche Diagnose und medikamentöse Behandlung geht. Auch nicht-medikamentöse Therapien sind empfehlenswert und wirkungsvoll - und ein einfühlsamer Umgang mit den Erkrankten.

    Angehörige zwischen Sorge, Würde und Bevormundung

    Es sagt sich so leicht: „ein einfühlsamer Umgang mit den Erkrankten“. Viele Angehörige berichten von geschickten Manövern, die nötig sind, um bei einem zunehmenden Verdacht einen verwirrten alten Menschen zum Arztbesuch für frühzeitige Diagnostik und (wenn möglich) Therapie zu bewegen. Die Themen Sorge, Würde, Bevormundung bleiben – und das schlechte Gewissen bei vielen auch: Da würde der Besuch einer Tagespflege außer Haus, mehrmals in der Woche, Erleichterung bringen und auch der kranken Mutter gut tun – aber wie geht man mit deren tränenreichem Widerstand um?

    „Ich habe mich beraten und überzeugen lassen“, berichtet eine Tochter, „dass der Widerstand normal und verständlich ist und auch schmerzhaft für mich, ich aber dennoch versuchen darf, sie zu überzeugen. Und dass es legitim ist, mir Entlastung zu verschaffen. Und sie hat sich dann doch wohlgefühlt.“

    Wenn es gefährlich wird, weil der Herd angeschaltet bleibt, der Bewegungsdrang immer heftiger wird, ist die Suche nach einer anderen Wohnform legitim, auch wenn nicht mehr erkennbar ist, ob der*die Kranke damit einverstanden sein kann.

    Für banalere Alltagssituationen gibt es hilfreiche Tipps zur Vermeidung von Eskalation. Die wichtigste „goldene Regel“ zum Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen lautet: Die Gesunden stellen sich auf die Kranken ein und nehmen deren Empfindungen und Äußerungen ernst. Die Kommunikation muss sich anpassen - mit kurzen Sätzen und eindeutigen Fragen. Für den erkrankten Menschen sind die Wahrnehmungen real, darauf sollten Menschen im engen Umfeld oder als Pflegekräfte einzugehen versuchen.

    Teilen, planen, vereinbaren

    Es lässt sich nicht beschönigen: Auch Angehörige, denen die Sorge relativ gut gelingt, berichten von Schwachstellen im System, von fehlenden Tagespflegeangeboten, zu wenig Heimplätzen oder mäßiger Qualität bei einigen Anbietern. Im besten Fall teilen sich Angehörige (Partner*innen, Geschwister, Kinder, Enkel) die Verantwortung. Da verlegt der eine sein freiberufliches Büro ins Haus der Mutter, hier schaffen es die anderen, sich an den meisten Tagen mit Besuchen abzuwechseln.

    Im Beruf, in der Firma oder Behörde gibt es reale Chancen für ein passables Arrangement, wenn:

    • das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege in der Unternehmenskultur fest verankert ist und praktische Unterstützungsangebote bekannt gemacht werden – zum Beispiel durch Positionierung der Führungskräfte zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege, Arbeitszeitregelungen, Ansprechpersonen im Betrieb und Handreichungen zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten in der Region
    • trotz des Tabus beim Thema Demenz pflegende Angehörige frühzeitig ihre Situation transparent machen und über Vereinbarkeitsregelungen verhandeln
    • flexible, auch spontane Lösungen (zum Beispiel kurzfristige Abwesenheiten) möglich sind, Vorgesetzte und Team das mittragen – und über Ausgleich (Nacharbeiten) und Grenzen offen und fair gesprochen wird
    • flexible Arbeitsmöglichkeiten in einem Arbeitsfeld, an einem Arbeitsplatz überhaupt möglich sind

    Umfassend beraten lassen - Leitplanken für Vereinbarkeit

    Angehörige müssen ihr Leben neu ordnen, sie müssen über kurz oder lang verantwortlich alltägliche, finanzielle und rechtliche Angelegenheiten der Demenzkranken regeln. Der Grund für eine frühe Diagnostik ist (auch), dass Menschen mit Demenz seit 2017 auf der Grundlage des Pflegestärkungsgesetzes relativ schnell den Pflegegrad 2 bekommen. Damit können Leistungen der Pflegekassen beantragt werden - wie Unterstützung im Haushalt und bei der Körperpflege, der Besuch einer Tagespflege oder Zuschüsse für Haustechnik. Es ist jedoch unbedingt angeraten, sich vor Antragstellung genau informieren und beraten zu lassen.

    Das gilt bei jeder gravierenden Veränderung der Situation, die sich über die Jahre zuspitzen wird. Im Extremfall kann es für eine gewisse Zeit zum Beispiel nötig und sinnvoll sein, Arbeitszeiten (deutlich) zu reduzieren und Pflegegeld zu beantragen. Die Tücken stecken aber auch hier im Detail: Wann lohnt sich welche Arbeitszeitreduzierung mit Ausgleich durch das Pflegegeld? Gilt das Rückkehrrecht in Vollzeit bei meinem Arbeitsplatz (Betriebsgröße beachten!)? Und auch ein Nachdenken über einen vorzeitigen Renteneintritt steht unter Umständen an, damit Konditionen und Konsequenzen rechtzeitig abgeklärt werden können.

    Demenz- und Pflege-Beratungsstellen gibt es fast flächendeckend im gesamten Bundesgebiet. Eine gute, individuelle und umfassende Beratung ist gerade für berufstätige Angehörige wichtig.

    Entlastung

    Es gibt eine Vielzahl an Unterstützungsangeboten, je nach Region unterschiedlich ausgeprägt, zum Beispiel ehrenamtliche Betreuung, Betreuungsdienste oder –gruppen, Pflegedienste, Tages-/Nachtpflege, Kurzzeit- und Verhinderungspflege, 24-Stunden-Betreuung, Urlaub für pflegende Angehörige mit oder auch ohne ihre kranken Angehörigen. Einen Überblick geben die Beratungskräfte vor Ort, sie können auch beim Aufbau eines Versorgungsnetzes helfen.

    Hilfreiche Links

    Fachspezifische Beratung findet man im EN-Kreis bei der Alzheimer Gesellschaft Hattingen- Sprockhövel oder Witten, Wetter, Herdecke. Im Südkreis bietet die Freie Alten- und Nachbarschaftshilfe e.V. (FAN) eine Demenzberatung an.

    Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.:

    Der Ratgeber „Demenz. Das Wichtigste“ wird von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zum Download angeboten:
    shop.deutsche-alzheimer.de/broschueren/33/demenz-das-wichtigste

    Informationen zum Thema „Demenz und Migration“:
    www.demenz-und-migration.de

    Angebote des Bundesministeriums für Gesundheit:

    Projekte, Adressen, Foren:
    www.wegweiser-demenz.de

    Hilfe bieten außerdem die kommunalen Pflegeberatungsstellen oder Seniorenbüros, deren Seniorenwegweiser meist auch im Netz oder zum Download zur Verfügung stehen. Für privat Versicherte ist die COMPASS-Pflegeberatung zuständig.